Schöne, neue Arbeitswelt?

New Work, Innovation Labs, Agile Leadership, Gig Economy, … und so viele Begriffe mehr schwirren derzeit durch die Arbeitswelt. Doch was steckt dahinter?

Die Definitionen all jener neuen Begriffe und Trends sind so schwammig und verschieden, wie die Herausforderungen, die sie zu lösen versprechen. Doch was bleibt, wenn man einen Blick hinter all die Buzzwords unserer Zeit wirft?

Personal- und Organisationsentwicklern ist meist recht schnell klar: so viel Neues steckt da oftmals gar nicht drin. Es gibt noch immer keinen „short-cut“, der über Nacht Unternehmen umkrempelt und zu innovativen Effizienzwundern macht, wo arbeiten plötzlich Spaß macht und alle Probleme im Prozessablauf in der Luft verpuffen. Selbst ein Kickertisch kann das nicht leisten…

Der Hype um New Work führt dabei oftmals eher zu einer Verschlimmbesserung in der Arbeitswelt. Werden neue Strukturen und Modelle im puren Aktionismus umgesetzt, wird eine grundsätzlich gute Idee schnell zur unliebsamen Realität. Ein bekanntes Beispiel ist hier der Onlineshop Zappos, die mit der Einführung der Holokratie schlagartig nicht nur vor gravierenden Personalproblemen standen.

Ein Unternehmen ist keine Maschine, die sich einfach updaten lässt

Viele der zugrunde liegenden Ansätze zielen auf Empowerment der Mitarbeiter, eine Stärkung der Selbstverantwortung oder einen höheren Vernetzungsgrad innerhalb der Organisation ab. Daran ist auch überhaupt nichts auszusetzen.

Doch der Abbau oder Austausch von Strukturen geht auch immer mit einem Verlust der Sicherheit einher, es entsteht Widerstand, Verunsicherung und Orientierungslosigkeit. Wenn Unternehmen unreflektiert auf agiles Arbeiten setzen oder Methoden wie User Centered-Design einführen, diese jedoch weder zur Unternehmensstruktur oder –noch wichtiger– der Unternehmenskultur passen, kann es schnell problematisch werden.

Letztlich ist es immer entscheidend, welches Ziel mit der Einführung einer neuen Methode verfolgt wird und die damit verbundene Frage: kann die Methode in unserem Umfeld und Aufgabenanforderung (z.B. Komplexität) überhaupt hilfreich sein?

Um einen großen Schritt in die neue Arbeitswelt zu gehen, braucht es vor allem eines: im Klarheit über die ZielsetzungStrategie und die aktuelle Situation. So lassen sich gezielt wirksame Modelle auswählen und anpassen. Damit die Umsetzung anschließend auch gelingt, müssen in weiterer Folge Maßnahmenpakete geschnürt werden, die die Mitarbeiter befähigen, sich in der veränderten Situation schnell zurecht zu finden.

Die verlorene Sicherheit in der Struktur muss in jedem Falle aufgefangen werden – beispielsweise durch den gezielten Kompetenzaufbau bei Mitarbeitern und Führungskräften.

Verantwortung und Sinn als zentrale Konzepte

Der Weg in eine erfolgreiche Zukunft führt an den Mitarbeitern nicht vorbei: Umsatz und Gewinnsteigerungen brauchen motiviertes Personal. Doch wie lassen sich Mitarbeiter motivieren?

Intrinsische Motivation, also die Motivation von innen heraus, kann beispielsweise dadurch gesteigert werden, dass der Sinn im eigenen Handeln sowie den übergeordneten Unternehmenszielen gesehen wird – dadurch wird die Frage, Warum mache ich meine Arbeit? schnell beantwortet.

Liegt darüber hinaus auch noch ein hohes Maß an Verantwortung (mit den entsprechenden Handlungsspielräumen) für den individuellen Aufgabenbereich, steht einer motivierten Arbeitskraft (fast) nichts mehr im Weg.

Viele Unternehmen scheuen sich jedoch, Mitarbeitern wirkliche Verantwortung zu übergeben, denn es kann diese ja auch missbraucht werden. Doch die Studienlage dazu ist recht eindeutig: wird den Mitarbeitern mehr Verantwortung zugesprochen, wird diese auch übernommen. Das erhöht das Commitment zu den übergeordneten Zielen der Organisation. Sehen sich die Mitarbeiter dadurch unmittlbarer mit dem Unternehmenserfolg verbunden.

dm drogeriemarkt Österreich ist eines der hiesigen Vorreiter im Bereich des selbstverantwortlichen Handelns auf Mitarbeiterebene. Und damit überaus erfolgreich. Führende nehmen die Rolle des Begleiters oder Coaches ein, um die Mitarbeiter zu unterstützen. Ein lesenswertes Interview ist auf dem Karriere.at Blog zu finden: https://www.karriere.at/blog/dm-drogeriemarkt-als-arbeitgeber.html .

Ein anderes Beispiel zum Thema Urlaub: Einige Unternehmen haben in den vergangenen Jahren eine „unlimited vacation-policy“ eingeführt. Jeder Mitarbeiter entscheidet selbst, wie viel Urlaub er nimmt. Dropbox, Github, Hubspot sind prominente Vertreter dieser Regelung. Wozu hat das nach der Einführung geführt? Paradoxer Weise haben die Mitarbeiter anschließend weniger Urlaub genommen, als zuvor. Zusammen mit der Verantwortung für die eigenen Projekte, hat der Urlaub „den Kürzeren“ gezogen. Weil sich das allerdings mittel- und langfristig negativ auf die Fehlzeiten und die Beanspruchung auswirkt, wurden diese Regeln vielerorts um eine „Mindesturlaub-klausel“ oder zusätzlichen Incentives bei der Inanspruchnahme einer definierten Zahl an Urlaubstagen erweitert.

Wo stehen wir also?

Gerade für etablierte Unternehmen ist es allerdings zwingend notwendig, sich mit diesen Trends kritisch auseinanderzusetzen, wollen sie mit der Entwicklung Schritthalten.

Derzeit befinden wir uns in einen höchst interessanten Spannungsfeld: in einigen Unternehmen kommen organisationsübergreifend Kollaborationstools ganz selbstverständlich zum Einsatz, in anderen wird unter Digitalisierung noch die Überführung der Kundenliste in Excel verstanden. Genauso interpretieren im Grunde alle Firmen (genauso wie die Beratungsfirmen) „New Work“ unterschiedlich.

Erfolgreiche Organisations- und Mitarbeiterentwicklung gelingt, wenn zuvor der Bedarf sauber ermittelt wurde, Ziele festgelegt sind und in einem strukturierten Prozess mit entsprechender Evaluation Maßnahmen iterativ umgesetzt werden. Daran ist nichts neu.

Was „New Work“ in jedem Falle leisten kann: Reflexionen und sinnvolle Diskussionen anregen. Denn es lohnt sich, gewohnte Regeln und Prozesse zu überdenken, das Führungs- und Rollenverständnis infrage zu stellen und die bestehende Kultur herauszufordern. Potenziale gibt es in jeder Organisation!

Job-Crafting für mehr Engagement und höhere Zufriedenheit

Die Arbeit muss sich dem Menschen anpassen – nicht umgekehrt!

Wenn Organisationen außergewöhnliche Leistungen anstreben, braucht es Mitarbeiter, die ihr volles Potenzial umsetzen. Doch kann dies gelingen, wenn sich die Mitarbeiter in engen Anforderungskorsagen und vordefinierten Leistungs- und Prozessstrukturen wiederfinden? Wohl kaum! Eine hilfreiche Methode, um einen transparenten co-kreativen Optimierungsprozess zu beschreiten ist das Job-Crafting.

Beim Job-Crafting handelt es sich um eine Methode, die darauf abzielt, die Passung von Arbeit, Organisation und dem Mitarbeiter zu verbessern. Das gelingt dadurch, das sich die Mitarbeiter stärker mit Ihren Aufgaben identifizieren und ihre Ziele mit denen der Organisation in Einklang bringen können.

Job-Crafting gelingt in 3 Schritten:

Bestandsaufnahme

Im ersten Schritt schreiben Sie täglich anfallenden Tätigkeiten jeweils auf einzelnen Post-Its einer Farbe auf. Anschließend werden die Beweggründe auf andersfarbigen Post-Its festgehalten, die Sie zu guten Arbeitsleistungen motivieren („neue Erfahrungen machen“, „Unterstützung meiner Teamkollegen“, „meine berufliche Entwicklung vorantreiben“, …). Auf Karten einer dritten Farbe notieren Sie Ihre Stärken, die Sie dabei unterstützen, Ihre Aufgaben erfolgreich und kompetent zu bewältigen.

Ist-Stand Kombination

Die drei farblich kodierten Kategorien (Aufgaben, Beweggründe, Stärken) kombinieren Sie nun so, wie sie dem Ist-Stand bei Ihrer Arbeit entsprechen. Leben Sie Ihre Tätigkeiten, Motive und dazugehörige Stärken nebeneinander. Gibt es Aufgaben, bei denen Sie Ihre Stärken nicht realisieren können? Gibt es Stärken die Sie in keiner Ihrer Aufgaben ausspielen können? Wie spiegeln sich Ihre Motive in Ihren Aufgaben wieder?

Neugestaltung

Arrangieren und Kombinieren Sie im dritten Schritt Ihre Zettel neu. Stimmige Kombinationen lassen Sie bestehen, unpassende ordnen Sie neu zu. Gibt es möglicherweise andere Aufgaben, die momentan noch nicht in Ihrem Verantwortungsbereich liegen, die jedoch gut zu Ihren Stärken und Motiven passen würden? Oder gibt es gänzlich neue Aufgaben die Ihren Talenten entsprechen, die für den Teamerfolg hilfreich wären. „Kommunikationstalent“ (Stärke) und „Menschen zusammenbringen“ (Motiv) könnten mit Aufgaben wie z.B. „Schnittstellenkommunikation F&E – Vertrieb“ oder „Moderation Erfahrungsaustausch“ kombiniert werden.

gemeinsames Restrukturieren von Arbeitsaufgaben und Verantwortungen setzt neue Potenziale in Teams frei

Diese Übung lässt sich gut in Teams durchführen, so lässt sich ein hilfreicher Überblick für alle gewinnen, welche Aufgaben von wem aktuell erledigt werden (selbst dies ist in manchen Fällen schon ein regelrechter Augenöffner) und welche Stärken, Beweggründe und Kompetenzen im Team vorhanden sind.

Gemeinsam können so selbst „unliebsame“ Aufgaben eventuell anders gestaltet werden oder sinnvoll nach vorhandenen Stärken aufgesplittet werden.

So sorgt Job-Crafting für mehr Engagement und höhere Zufriedenheit – samt voller Potenzialausschöpfung.

Brauchen wir Arbeit?

Eines der größeren Bedenken im Kontext des bedingungslosen Grundeinkommens ist sicherlich die Aufrechterhaltung unserer Wirtschaftsleistung. Sobald ich nicht mehr Arbeiten muss, um mein Leben zu finanzieren, warum sollte ich überhaut noch Arbeiten? Damit würden vermutlich – zumindest in den Köpfen von Vielen – alle wenig erstrebenswerten Tätigkeiten noch schwerer zu besetzten sein, als ohnehin schon. Brauchen wir also Arbeit?

Daran knüpfen unmittelbar zwei Grundsätzliche Fragen an: welchen Stellenwert hat Arbeit für uns? Und wie muss Arbeit gestaltet sein, damit sie losgelöst vom Gehalt als attraktive Alternative zur nicht-Arbeit erscheint.

Beginnen wir bei er ersten Frage: Welchen Stellenwert hat Arbeit in unserer Gesellschaft?

Denken Sie an eine Vorstellungsrunde mit Ihnen unbekannten Mitmenschen: Was wir beruflich machen, wird in der Regel kurz nach dem Namen genannt. Unser Job, unser Arbeitgeber oder unser Verantwortungsbereich nimmt in der Liste „Dinge, die über mich wichtig sind“ einen der vorderen Plätze ein. Erstaunlicher Weise meist sogar vor unseren Hobbies und sonstigen Leidenschaften.

Fakt ist, unsere Arbeit ist uns wichtig.

In einer Studie der Bertelmann Stiftung rangiert „Arbeit/Beruf“ auf Platz zwei der Bedeutung im Leben – nach Familie und Partnerschaft.  der gleichen Studie gaben lediglich 19 % an, nach einem hohen Gewinn in einem Gewinnspiel nicht mehr arbeiten zu wollen. Im selbigen Szenario lehnten immerhin noch 37% es ab, es überhaupt in Betracht zu ziehen, ihre aktuelle Arbeitsstelle zu wechseln, um etwas zu suchen, das ihnen mehr Spaß mache. Unsere Arbeit ist für viele weit mehr als reiner Broterwerb: ich erlebe es regelmäßig in Workshops sowie Seminaren, dass auf die Frage nach den positiven Dingen im Arbeitskontext der Lohn oder das Gehalt verhältnismäßig spät genannt wird: wichtiger erscheinen die Kollegen/ das Team, die Arbeit als solche, teilweise das Image des Arbeitgebers oder auch die gute Beziehung zum Vorgesetzten.

Arbeitslosigkeit wirkt sich negativ auf unser Wohlbefinden und unsere persönliche Entwicklung aus. Eine  Studie aus dem Jahr 1933 „Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit “ hat sich wissenschaftlich mit den sozio-psychologischen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auseinandergesetzt. Untersuchungsgegenstand war eine Arbeitersiedlung in Marienthal bei Wien, in der aufgrund eines zunächst eingeschränkten Betriebs und letztlich der Schließung der dort ansässigen Textilfabrik nahezu ein ganzer Ort Arbeitslos wurde.

Im Verlauf der Untersuchung zeigte sich, dass eine ganze Gemeinschaft, in der zuvor gemeinsam kulturelle sowie sportive Veranstaltungen geplant und umgesetzt wurden, in der Gärten bewirtschaftet wurden und ein Zusammenhalt bestand allmählich an Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Resignation zerbrach. Sicherlich kann die damalige Situation vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise keine einwandfreie Parallele zu Heute ziehen, doch verdeutlicht sie, welche Bedeutung Arbeit und Sinn für unsere Gesellschaft hat.

(Kurz K. (2016) Marie Lazarsfeld-Jahoda/Hans Zeisl: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie.)

Was macht Arbeit  in unserer heutigen Zeit attraktiv?

Viele Faktoren rund um die tatsächliche Tätigkeit spielen hier eine entscheidende Rolle und wirken sich wiederum auf die Wahrnehmung der eigentlichen Arbeit aus. Neben dem bereits erwähnten Sinn, sind Selbstwirksamkeit, positive Beziehungen, Handlungsspielraum oder Entwicklungsmöglichkeiten essenzielle Bereiche für ein erfülltes Arbeitsleben. Sie sind entscheidend, ob uns unsere Arbeit Freude bereitet.

Der eigentliche Arbeitsinhalt ist dabei tatsächlich weniger entscheidend – somit ergibt sich hier ein großes Potenzial über die Rahmenbedingungen.

Ich möchte an dieser Stelle drei wesentliche Bereiche herausgreifen: Sinnhaftigkeit, Entwicklungsmöglichkeiten und Beziehungen.

Sinnerleben der Arbeit

Wir blühen regelrecht auf, wenn wir einen tiefen Sinn in unserem Tun erkennen. Das wissenschaftliche Fundament hierfür ist schon lange gesichert- von den salutogenen Faktoren (A. Antonovsky) bis zu neueren Untersuchungen im Bereich der positiven Psychologie begegnet uns der Sinn stets als eines der zentralen Elemente. Maßgeblich entsteht dieses Sinnerleben durch die individuelle Wahrnehmung.

Hierzu ein Beispiel: Reinigungskräfte im Krankenhaus geben eine höhere Arbeits- und Lebenszufriedenheit an, verrichten objektiv bessere Arbeit und werden von Personal sowie Patienten als freundlicher Wahrgenommen, wenn sie einen tieferen Sinn in Ihrer Arbeit erkennen („Meine Arbeit hier im Krankenhaus ist der Grundstein, für alles was hier geschieht. Wenn ich keine gute Arbeit leiste, bräuchte der Chirurg gar nicht mit der Operation beginnen. Ich helfe direkt den Menschen dabei, hier zu genesen!“).

Ganz gleich, um welche Tätigkeit es geht, sobald wir den Sinn darin erkennen, setzten wir uns intensiver damit auseinander und „helfen“ uns somit selbst dabei in einen Flow-Zustand zu kommen.

Entwicklungsmöglichkeiten

Leben ist Veränderung und es braucht eine Perspektive, damit wir diese Veränderung mittel- und langfristig gutheißen können.

Leider gibt es in den meisten Unternehmen lediglich eine Entwicklung innerhalb des hierarchischen Organigramms. Die Karriereleiter führt nun mal nach „oben“ – und das ist vielerorts gleichbedeutend mit Führungsverantwortung, was leider häufig auch zu Problemen führt. Neue Führungskräfte werden oft nach Kriterien ausgewählt, die nichts mit Führung zu tun haben und so verliert man einerseits eine gute Arbeitskraft um eine schlechte Führungskraft (die sich nach mehr operativen Tätigkeiten sehnt) zu gewinnen. Doch das muss nicht sein! Es lohnt, Entwicklungsperspektiven für Mitarbeiter zu entwickeln, die gänzlich ohne Führungsverantwortung auskommen. Sogenannte „Specialist-“ oder „Expert-tracks“ ermöglichen, die Stärken der Mitarbeiter weiter auszubauen sowie Expertenwissen innerhalb der Organisation zu entwickeln, zu erhalten und zu verbreiten.

Positive Beziehungen

Meine Erfahrung in Workshops zeigt mir immer wieder, dass die sozialen Beziehungen bei der Arbeit ein wesentlicher Motivationsfaktor sind.

Auf die Frage nach den Ressourcen im Unternehmen werden oftmals zuerst „die Kollegen“, „das Team“ oder „meine Mitarbeiter“ genannt. Vorausgesetzt, es herrscht ein positives Arbeitsklima.

Soziale Beziehungen helfen uns dabei, gute Leistungen zu erbringen, Rückschläge besser zu verarbeiten, steigern unser allgemeines Wohlbefinden, wirken Stress entgegen, beugen psychischen Krankheiten vor und stärken sogar unser Immunsystem (vgl. Kienle R., Knoll N., Renneberg B. (2006) Soziale Ressourcen und Gesundheit: soziale Unterstützung und dyadisches Bewältigen. In: Renneberg B., Hammelstein P. (eds) Gesundheitspsychologie.).

Deshalb ist die Unternehmenskultur und das Arbeitsklima auch so wichtig.

Fazit

Die Frage, ob noch ausreichend Menschen arbeiten würden, wenn sie nicht müssten, stellt sich für mich in der Form nicht. Vielmehr die Frage, wie wir es als Gesellschaft schaffen, Arbeit so zu gestalten, dass jeder sein Potenzial entfalten kann. Ob und wie uns ein bedingungsloses Grundeinkommen dabei helfen kann, vermag ich nicht in Gänze einzuschätzen. Allerdings steht für mich fest, dass wir eine zeitgerechte (und vor allem menschengerechteArbeitsgestaltung brauchen, damit wir die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich bewältigen können.

In diesem Sinne: auf zu New Work.

Money for Nothing? – Das Bedingungslose Grundeinkommen in Österreich

Die Frage ist nicht, wer für ein Bedingungsloses Grundeinkommen bezahlen soll, sondern ob wir es uns, als Gesellschaft, leisten wollen!

Die Idee vom „Geld für alle“ ist alt. Bereits im Jahre 1516 beschrieb Thomas More in seinem Buch Utopia ein solches Konzept. Man könnte auch den Artikel 25 der „Universal Declaration of Human Rights“ von 1948 als einen Vorstoß in diese Richtung deuten:

(1) Everyone has the right to a standard of living adequate for the health and well-being of himself and of his family, including food, clothing, housing and medical care and necessary social services, and the right to security in the event of unemployment, sickness, disability, widowhood, old age or other lack of livelihood in circumstances beyond his control.

https://www.un.org/en/universal-declaration-human-rights/

Seither gab und gibt es einige Feldversuche unterschiedlicher Ausmaße in Finnland, Canada und anderen Ländern.

In dieser Woche kann nun in Österreich das Volksbegehren für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) unterzeichnet werden.

Wieso ist das Thema aktueller als je zuvor:

Die Digitalisierung wird von vielen als nächster großer Umbruch nach der Industriellen Revolution gesehen. Ein Großteil der Jobs, die es heute gibt, werden in Zukunft nicht mehr benötigt und es darf bezweifelt werden, ob in der gleichen Anzahl neue Berufe entstehen werden.

Wir wollten genauer hinschauen, und so haben Hannes, Sabine und ich eine Miniserie gestartet in dem wir uns dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven annehmen.

Ich habe mir das Bedingungsloses Grundeinkommen und einige wirtschaftliche Aspekte angesehen, Hannes wird sich mit den psychologischen Auswirkungen auf den Menschen auseinandersetzen und Sabine wird es von einer philosophischen Seite betrachten.

Meine Recherchen zusammengefasst:

  • Der Gesamtfinanzierungsbedarf laut Volksbegehren wäre 128 Milliarden Euro
  • Durch eine Staffelung der Beträge nach Alter kann die Gesamtbelastung des Grundeinkommens auf 107 Milliarden Euro reduziert werden
  • Österreich zahlt bereits 51,5 Milliarden Euro an BGE equivalenten Sozialleistungen pro Jahr
  • Sparpotentiale können u.a. im Gesundheitsbereich und Administrativen Bereich realisiert werden
  • Neue Steuern wie Finanztransaktionssteuer und Maschinensteuer könnten das Bedingungslose Grundeinkommen finanzieren

Eine Milchmenschen Rechnung

Photo by Stijn te Strake on Unsplash – Was hat Milch mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen zu tun

Zu Beginn auf ein Gedankenexperiment:

Milch ist ein Produkt für die Deckung der Grundbedürfnisses des Menschen.

10 Personen werden für die Produktion der Milch benötigt. Jeder von Ihnen arbeitet gleich viel und von den produzierten 100 Litern bekommt jeder 10 Liter, die als Existenzgrundlage dienen. Eines Tages übernimmt die technische Erfindung einer Melkmaschine das Melken und es werden nur mehr zwei Personen für die Produktion benötigt. Des Weiteren können nun 110 Liter im Monat erwirtschaftet werden.

Gerecht wäre es, alles aufzuteilen: jeder arbeitet entsprechend weniger und der gewonnene Überschuss wird zur Deckung der Kosten der Milchmaschine verkauft.

In unserer Gesellschaft würden aber 8 Personen entlassen werden und die verbliebenen 2 verrichten die ganze Arbeit.

Nun schaltet sich eine höhere Instanz wie ein Staat ein und zwingt die beiden Arbeiter, Milch an die nun Arbeitslosen abzugeben.

„Ungerecht, das haben die Arbeitslosen gar nicht verdient!“

Die Milch würde im besten Fall als Almose statt als Grundrecht angesehen.

128 Milliarden Euro

Derzeit leben 8.858.775 Menschen in Österreich. Das Volksbegehren für ein Bedingungsloses Grundeinkommen fordert für jeden Bürger 1.200 €.

Und das pro Monat,12 mal im Jahr und unabhängig ob ein Mensch arbeitet oder nicht. Das summiert sich auf eine Summe von knapp 128 Milliarden Euro, die es den Staat Österreich und somit der Gesellschaft kosten würde.

Eine utopische, nicht finanzierbare Summe? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht!

Ich bin der Sache auf die Spur gegangen und stellte mir die Frage: Wie sieht ein Bedingungsloses Grundeinkommen aus, das wir uns als Gesellschaft leisten wollen und können?

Meine Überlegungen nehmen hierbei nur losen Bezug auf das, zur Abstimmung gebrachte, Volksbegehren, sondern sollen das Thema aus einer allgemein-wirtschaftlichen Perspektive beleuchten.

Grundsatzfrage: Woher soll das Geld kommen?

Die Einnahmen des Staates beliefen sich im Jahre 2018 auf 188 Miliarden Euro. Einen großen Anteil macht dabei Einkommenssteuer bzw. Vermögenssteuer (52 Mrd. €) sowie Sozialbeiträge (57 Mrd. €) aus. Da das BGG als Idee nicht besteuert bzw. mit Sozialausgaben belastet werden soll, müsste das österreichische Steuer- und Sozialsystem neu gedacht werden. Die progressiven Einkommenssteuersätze sowie Sozialversicherungsabgaben würden erst bei Zuverdiensten schlagend werden. Die dadurch verringerten Einnahmen müssten durch andere Quellen gedeckt werden.

In dem Punkt „Weitere Einsparungs- und Finanzierungsmöglichkeiten“ stelle ich Ideen zu diesem Thema vor.

Dem zum Grunde liegt auch die Einschätzung, dass die Produktivität der Menschen durch ein BGE nicht sinken wird. Hannes wird in einem Beitrag näher darauf eingehen.

Was ist ein realistisches Grundeinkommen?

Ein Grundeinkommen muss in jedem Fall die Existenz sichern.

Hier stellt sich nicht die Frage, was ICH in meiner derzeitigen individuellen Lebenssituation benötige.

Es geht darum, ob man als Bürger in Österreich von 1.200 € im Monat grundsätzlich leben kann.

Das bedeutet sich vorrangig Wohnen und Nahrungsmittel leisten zu können sowie Anschluss an die Gesellschaft zu haben. Das sind u.a. Kosten für öffentliche Verkehrsmittel sowie Kommunikationskosten (Internet etc.).

Beispielsweise würde eine Wohnung mit 30 m² zu Durchschnittswohnkosten von 10,7 Euro (In Hauptmiete) gesamt 321 € kosten. Mit den übrigen 879 € sollen Essen, Trinken, kleine Annehmlichkeiten, öffentlichen Verkehrsmittel etc. finanziert werden.

Große Sprünge sind sicher nicht möglich, aber ein Leben ohne Existenzängste und Anschluss an die Gesellschaft ist meines Erachtens leistbar.

Um als Student in Österreich leben zu können gehen Schätzungen übrigens von 950 € aus.

Zudem stelle ich mir die Frage, ob man in jedem Alter bereits das volle Grundeinkommen bekommen sollte. In meinem Modell habe ich mich an das Kindergeld angelehnt. Einer Familie mit zwei Kindern im Alter von 1 und 5 Jahren würde so ein gesamtes Nettoeinkommen von 2.700 € im Monat zur Verfügung stehen.

Eine Staffelung nach Alter kann die Kosten senken.

Die Gesamtbelastung für ein Bedingungsloses Grundeinkommen könnte so bereits um knapp 21 Milliarden Euro gesenkt werden.

Das Grundeinkommen darf zudem nicht als Subvention für geleistete Arbeit gesehen oder gegengerechnet werden. Zuverdienst muss attraktiv sein.

51,5 Milliarden an Sozialleistung werden durch ein BGE ersetzt

Als Sozialstaat gibt Österreich jährlich Milliarden für Sozialleistungen aus. Insgesamt über 109 Milliarden im Jahr 2018.

Einige der darin enthaltenen Leistungen haben bereits den Charakter eines Grundeinkommens, doch noch sind sie nicht bedingungslos.

Ich habe mir die einzelnen Position angesehen und bin der Meinung, 51,5 Milliarden Euro jährlicher Ausgaben für Sozialleistungen können durch ein BGE ersetzt werden.

Kritische Anmerkung: In genannten Fällen erhalten betroffene Personen öfters weniger als die angedachten 1.200 €. Dieser Aufstockungsbetrag würde hier negativ zu berücksichtigen sein. Genauere Daten zu eruieren war mir zeitlich sowie mir nicht vorhandenen Daten nicht möglich. Ich freue mich hierzu auf konstruktives Feedback.

Gesamt ergibt das einen Betrag von 51,5 Milliarden Euro, die bereits vom österreichischen Sozialsystem finanziert werden und ein Bedingungsloses Grundeinkommen ersetzen würden.

Zieht man das von den 107 Milliarden des vorgeschlagenen Models ab, bleiben noch 55,5 Milliarden Euro offen, über dessen Finanzierung man sich Gedanken machen muss.

Sparsame Administration

Durch ein BGE würde vorallem in den oben genannten Bereichen der administrative Aufwand geringer werden. So würde man Arbeiten wie Antragsstellung, Antragsprüfungen etc. nicht mehr benötigen. Die einzige Überprüfung wäre die, ob ein Mensch für das Bedinungslose Grundeinkommen die benötigten Qualifikationen mit sich bringt (Aufenthaltstitel, Staatsbürgerschaft, Alter etc.).

Administrative Tätigkeiten können im Übrigen sehr gut automatisiert werden und werden im Zuge der Digitalisierung immer weniger menschlichen Einsatz verlangen.

Arbeitnehmerentgelte für staatliche Bedienstete beliefen sich im Jahr 2017 auf 39,1 Milliarden Euro.

Die Aufteilung in die unterschiedlichen Sektoren sieht dabei folgendermaßen aus:

Quelle: https://www.oeffentlicherdienst.gv.at/fakten/publikationen/PJB_2018_BF.pdf?6wd8o2

Wieviel hier eingespart werden kann ist ohne eine tiefergehend Analyse nicht möglich. Ich freue mich auf konstruktive Beitrage und Abschätzungen als Kommentar.

Weitere Einsparungs- und Finanzierungsmöglichkeiten

Was passiert mit den ausbleibenden Einnahmen für den Staat? Und wie finanziert man die in meinem Modell übriggebliebenen ca. 55 Milliarden Euro, für die es auch bei gleichbleibenden Einnahme noch keine Finanzierung geben würde.

  • Einsparungen im Gesundeheitssektor
    Wenn Menschen keine Existenzängste mehr haben müssen und sich voll auf Ihre Stärken und Talente konzentrieren können, als einem 9 to 5 Brotjob nachzugehen, soll sich das auch positiv auf die Gesundheit auswirken. Gerade Burnouts sollen zurück gehen. Dadurch könnten die Kosten in diesem Sektor sinken. Das Experiment in Minecome/Canada hat zum Beispiel in den 70er Jahren zu einem Rückgang der Krankenhaus Aufenthalt um 8,5% geführt.
  • Neues Steuersystem
    Grundsätzlich fordern die Befürworter des Grundeinkommens eine Steuer die statt der Leistungserbringung (Arbeit) die Leistungsentnahme (Konsum) besteuert.
    Bisher werden in Österreich Einkommen erst ab 11.000 € besteuert. Danach verläuft der Steuersatz progressiv, von 25 bis 55 Prozent. Hier müssten Anpassungen vorgenommen werden.
  • Maschinensteuer
    Ein schon länger diskutiertes Konzept, dass durch die stetig stärker werdende Digitalisierung immer wieder in den Fokus rückt. In vielen Bereichen der Wirtschaft werden keine Menschen mehr benötigt, um eine Wertschöpfung zu generieren. Maschinen, Roboter und KI werden viele der heutigen Aufgaben übernehmen und sogar besser machen, als es ein Mensch könnte.
    Eine Maschinensteuer wäre für viele eine logische Konsequenz, mit dessen Erträgen dann ein Bedingungsloses Grundeinkommen finanziert werden kann.

Solidarität, Offenheit und Menschlichkeit

Wir müssen als Gesellschaft zusammenhalten, um den bevorstehenden Paradigmenwechsel der Wirtschaft zu meistern.

In meinen Nachforschungen bin ich nicht auf die volkswirtschaftlichen Folgen eines Bedingungslosen Grundeinkommens nachgegangen. Es ist aber einleuchtend, dass die Forderung eines derartigen Systems nicht einen Staat alleine treffen, sondern weltumspannend gedacht werden muss.

Wir leben in einer Zeit, in der der Takt der disruptiven Veränderungen immer schneller schlägt und wir in den kommenden Jahren viele nicht vorhersehbare Umbrüche erleben werden.

Was in der Vergangenheit funktionierte, wird uns in der Zukunft nur wenig helfen, Probleme und Herausforderungen zu meistern.

Wenn wir so weiter machen wie bisher, steuern wir auf eine Welt hin, in der es ein paar Gewinner und viele Verlierer geben wird.

Denn:

Die Dinge die wir wirklich zum Leben brauchen, produzieren immer weniger Menschen. Und es sieht nicht so aus, als ob im gleichen Maße neue Berufe geben wird, um das zu kompensieren. Die Frage, die sich stellt: Muss es das überhaupt?

Das Bedingungsloses Grundeinkommen könnte hier ein Ansatz sein, dem entgegen zu wirken.

Ich kann verstehen, dass viele Menschen mit Argwohn reagieren. Es gibt viele, die durch harte Arbeit das Fundament des heutigen Wohlstands geschaffen haben. Jemandem etwas zu geben, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten, erschreckt, führt zu Neid und Ablehnung.

Doch brauchen wir mehr denn je ein offene Haltung, denn Arbeit und was Arbeit für uns als Menschen bedeutet, muss neu gedacht werden, wenn wir für die Erzeugung der Grundlagen unserer Existenz immer weniger menschliches Zutun brauchen.

Und so wünsche ich mir, dass wir uns einem der wichtigsten Themen dieser Zeit mit Solidarität, Offenheit und Menschlichkeit annehmen und diskutieren.

Für eine neue Ära. Für uns und alle, die nach uns kommen.

Wie sieht die Welt und Gesellschaft der Zukunft für dich aus? Lass uns in den Kommentaren diskutieren.