Brauchen wir Arbeit?

Eines der größeren Bedenken im Kontext des bedingungslosen Grundeinkommens ist sicherlich die Aufrechterhaltung unserer Wirtschaftsleistung. Sobald ich nicht mehr Arbeiten muss, um mein Leben zu finanzieren, warum sollte ich überhaut noch Arbeiten? Damit würden vermutlich – zumindest in den Köpfen von Vielen – alle wenig erstrebenswerten Tätigkeiten noch schwerer zu besetzten sein, als ohnehin schon. Brauchen wir also Arbeit?

Daran knüpfen unmittelbar zwei Grundsätzliche Fragen an: welchen Stellenwert hat Arbeit für uns? Und wie muss Arbeit gestaltet sein, damit sie losgelöst vom Gehalt als attraktive Alternative zur nicht-Arbeit erscheint.

Beginnen wir bei er ersten Frage: Welchen Stellenwert hat Arbeit in unserer Gesellschaft?

Denken Sie an eine Vorstellungsrunde mit Ihnen unbekannten Mitmenschen: Was wir beruflich machen, wird in der Regel kurz nach dem Namen genannt. Unser Job, unser Arbeitgeber oder unser Verantwortungsbereich nimmt in der Liste „Dinge, die über mich wichtig sind“ einen der vorderen Plätze ein. Erstaunlicher Weise meist sogar vor unseren Hobbies und sonstigen Leidenschaften.

Fakt ist, unsere Arbeit ist uns wichtig.

In einer Studie der Bertelmann Stiftung rangiert „Arbeit/Beruf“ auf Platz zwei der Bedeutung im Leben – nach Familie und Partnerschaft.  der gleichen Studie gaben lediglich 19 % an, nach einem hohen Gewinn in einem Gewinnspiel nicht mehr arbeiten zu wollen. Im selbigen Szenario lehnten immerhin noch 37% es ab, es überhaupt in Betracht zu ziehen, ihre aktuelle Arbeitsstelle zu wechseln, um etwas zu suchen, das ihnen mehr Spaß mache. Unsere Arbeit ist für viele weit mehr als reiner Broterwerb: ich erlebe es regelmäßig in Workshops sowie Seminaren, dass auf die Frage nach den positiven Dingen im Arbeitskontext der Lohn oder das Gehalt verhältnismäßig spät genannt wird: wichtiger erscheinen die Kollegen/ das Team, die Arbeit als solche, teilweise das Image des Arbeitgebers oder auch die gute Beziehung zum Vorgesetzten.

Arbeitslosigkeit wirkt sich negativ auf unser Wohlbefinden und unsere persönliche Entwicklung aus. Eine  Studie aus dem Jahr 1933 „Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit “ hat sich wissenschaftlich mit den sozio-psychologischen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auseinandergesetzt. Untersuchungsgegenstand war eine Arbeitersiedlung in Marienthal bei Wien, in der aufgrund eines zunächst eingeschränkten Betriebs und letztlich der Schließung der dort ansässigen Textilfabrik nahezu ein ganzer Ort Arbeitslos wurde.

Im Verlauf der Untersuchung zeigte sich, dass eine ganze Gemeinschaft, in der zuvor gemeinsam kulturelle sowie sportive Veranstaltungen geplant und umgesetzt wurden, in der Gärten bewirtschaftet wurden und ein Zusammenhalt bestand allmählich an Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Resignation zerbrach. Sicherlich kann die damalige Situation vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise keine einwandfreie Parallele zu Heute ziehen, doch verdeutlicht sie, welche Bedeutung Arbeit und Sinn für unsere Gesellschaft hat.

(Kurz K. (2016) Marie Lazarsfeld-Jahoda/Hans Zeisl: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie.)

Was macht Arbeit  in unserer heutigen Zeit attraktiv?

Viele Faktoren rund um die tatsächliche Tätigkeit spielen hier eine entscheidende Rolle und wirken sich wiederum auf die Wahrnehmung der eigentlichen Arbeit aus. Neben dem bereits erwähnten Sinn, sind Selbstwirksamkeit, positive Beziehungen, Handlungsspielraum oder Entwicklungsmöglichkeiten essenzielle Bereiche für ein erfülltes Arbeitsleben. Sie sind entscheidend, ob uns unsere Arbeit Freude bereitet.

Der eigentliche Arbeitsinhalt ist dabei tatsächlich weniger entscheidend – somit ergibt sich hier ein großes Potenzial über die Rahmenbedingungen.

Ich möchte an dieser Stelle drei wesentliche Bereiche herausgreifen: Sinnhaftigkeit, Entwicklungsmöglichkeiten und Beziehungen.

Sinnerleben der Arbeit

Wir blühen regelrecht auf, wenn wir einen tiefen Sinn in unserem Tun erkennen. Das wissenschaftliche Fundament hierfür ist schon lange gesichert- von den salutogenen Faktoren (A. Antonovsky) bis zu neueren Untersuchungen im Bereich der positiven Psychologie begegnet uns der Sinn stets als eines der zentralen Elemente. Maßgeblich entsteht dieses Sinnerleben durch die individuelle Wahrnehmung.

Hierzu ein Beispiel: Reinigungskräfte im Krankenhaus geben eine höhere Arbeits- und Lebenszufriedenheit an, verrichten objektiv bessere Arbeit und werden von Personal sowie Patienten als freundlicher Wahrgenommen, wenn sie einen tieferen Sinn in Ihrer Arbeit erkennen („Meine Arbeit hier im Krankenhaus ist der Grundstein, für alles was hier geschieht. Wenn ich keine gute Arbeit leiste, bräuchte der Chirurg gar nicht mit der Operation beginnen. Ich helfe direkt den Menschen dabei, hier zu genesen!“).

Ganz gleich, um welche Tätigkeit es geht, sobald wir den Sinn darin erkennen, setzten wir uns intensiver damit auseinander und „helfen“ uns somit selbst dabei in einen Flow-Zustand zu kommen.

Entwicklungsmöglichkeiten

Leben ist Veränderung und es braucht eine Perspektive, damit wir diese Veränderung mittel- und langfristig gutheißen können.

Leider gibt es in den meisten Unternehmen lediglich eine Entwicklung innerhalb des hierarchischen Organigramms. Die Karriereleiter führt nun mal nach „oben“ – und das ist vielerorts gleichbedeutend mit Führungsverantwortung, was leider häufig auch zu Problemen führt. Neue Führungskräfte werden oft nach Kriterien ausgewählt, die nichts mit Führung zu tun haben und so verliert man einerseits eine gute Arbeitskraft um eine schlechte Führungskraft (die sich nach mehr operativen Tätigkeiten sehnt) zu gewinnen. Doch das muss nicht sein! Es lohnt, Entwicklungsperspektiven für Mitarbeiter zu entwickeln, die gänzlich ohne Führungsverantwortung auskommen. Sogenannte „Specialist-“ oder „Expert-tracks“ ermöglichen, die Stärken der Mitarbeiter weiter auszubauen sowie Expertenwissen innerhalb der Organisation zu entwickeln, zu erhalten und zu verbreiten.

Positive Beziehungen

Meine Erfahrung in Workshops zeigt mir immer wieder, dass die sozialen Beziehungen bei der Arbeit ein wesentlicher Motivationsfaktor sind.

Auf die Frage nach den Ressourcen im Unternehmen werden oftmals zuerst „die Kollegen“, „das Team“ oder „meine Mitarbeiter“ genannt. Vorausgesetzt, es herrscht ein positives Arbeitsklima.

Soziale Beziehungen helfen uns dabei, gute Leistungen zu erbringen, Rückschläge besser zu verarbeiten, steigern unser allgemeines Wohlbefinden, wirken Stress entgegen, beugen psychischen Krankheiten vor und stärken sogar unser Immunsystem (vgl. Kienle R., Knoll N., Renneberg B. (2006) Soziale Ressourcen und Gesundheit: soziale Unterstützung und dyadisches Bewältigen. In: Renneberg B., Hammelstein P. (eds) Gesundheitspsychologie.).

Deshalb ist die Unternehmenskultur und das Arbeitsklima auch so wichtig.

Fazit

Die Frage, ob noch ausreichend Menschen arbeiten würden, wenn sie nicht müssten, stellt sich für mich in der Form nicht. Vielmehr die Frage, wie wir es als Gesellschaft schaffen, Arbeit so zu gestalten, dass jeder sein Potenzial entfalten kann. Ob und wie uns ein bedingungsloses Grundeinkommen dabei helfen kann, vermag ich nicht in Gänze einzuschätzen. Allerdings steht für mich fest, dass wir eine zeitgerechte (und vor allem menschengerechteArbeitsgestaltung brauchen, damit wir die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich bewältigen können.

In diesem Sinne: auf zu New Work.

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